Miriam Cahn: o.t., 19. + 24.09.2017 (Ausschnitt)
Miriam Cahn: o.t., 19. + 24.09.2017 (Ausschnitt) - Foto: Markus Tretter, Kunsthaus Bregenz - Courtesy of the artist, Galerie Jocelyn Wolff, Paris, und Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe © Miriam Cahn

Miriam Cahn. Das genaue Hinschauen

Es gibt so Bilder, da bekommt der männliche Betrachter gleich ein schlechtes Gewissen. Und das ist durchaus erwünscht. Man kennt das ja bereits von der österreichischen Malerin Florentina Pakosta, und auch Miriam Cahn freut sich, wenn sie so schöne Sachen wie den weiblichen Körper und Sexualität mit Ausbeutung, Macht und natürlich Verletzungen (durch die Männer, selbstverständlich!) inszenieren kann. Immer wieder Lust in Verbindung mit Gewalt, Krieg und Unterdrückung; müßig zu erwähnen, wer daran Schuld ist. Wie es sich gehört, ist sie auch in der Frauenbewegung aktiv. Man möge mich nicht falsch verstehen – als Frau ist mir durchaus bewusst, wie wichtig der Kampf für Gleichberechtigung und gegen Unterdrückung ist, denn die Freiheit, in der wir leben dürfen, war lange Zeit und ist vielerorts nicht selbstverständlich. Schwierig wird es aber für mich, wenn Künstlerinnen ganz schreckliche, abgrundtief hässliche Werke zustande bringen, bei denen sich das Nackenhaar aufstellt, und das fehlende handwerkliche Können dann mit einem Kampf gegen die böse, männlich dominierte Welt begründen. Frauen, die ihre ungelenkt dahingeschmierten Bilder mit Feminismus erklären, sind das Totschlag-Argument für jeden Kritiker. Vergleichbar mit der Nazikeule, falls der (miserable) Künstler farbig sein sollte. Dann wird das Werk eben gelobt, egal wie schlecht es ist, sonst gibt’s schließlich Ärger.

Darum also hier jetzt also ganz politisch korrekt: Gehen Sie zu „Miriam Cahn. Das genaue Hinschauen“ vom 13. April bis zum 30. Juni im Kunsthaus Bregenz. Da zeigt die Künstlerin pünktlich zu ihrem siebzigsten Geburtstag in ihrer ersten großen institutionellen Einzelausstellung in Österreich Bilder in Pastell und Kohle zu den Themen Einsamkeit, Sexualität, Gewalt und Zerstörung (wer daran Schuld ist, wissen Sie ja mittlerweile, darum kommt auch der eine oder andere Mann auf ihren Bildern vor).

Bei Männern darf man das

Und während Sie sich nun also auf den Weg nach Bregenz machen, bleibe ich hier am Schreibtisch sitzen und denke darüber nach, wie eigentlich die Frauen reagieren würden, wenn es ganz normal und sogar progressiv wäre, von männlichen Künstlern auf der Leinwand verunglimpft zu werden. Und zwar oft auch ganz ohne politischen Bezug; es reicht bisweilen schon das bloße Vorhandensein eines Penises, um malerisch mitsamt demselben der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. Männer als dämliche, machtgeile Deppen, die mit ihrem besten Stück durch die Welt laufen, Frauen ausbeuten und Gewalt ausüben. Als die Männer noch die Kunst (und auch alles andere, einschließlich der Frauen) dominierten, entstand, soweit ich weiß, zumindest auf der Leinwand nichts ähnlich Entwürdigendes in Bezug auf das andere Geschlecht. Aber wir haben uns ja zum Glück weiterentwickelt.

Was?Miriam Cahn. Das genaue Hinschauen
Wo? – Kunsthaus Bregenz | Link zur Ausstellung | Aktuelle Kunstausstellungen in Bregenz
Wann? – Ausstellung vom 13.04.2019 bis zum 30.06.2019


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