Alexej von Jawlensky: Madame Curie - © Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

Museumsvorschau (15/2018): Rushhour im Museumsland

Aufgewacht! Und keine Ausreden! Frischluftmuffel werden sich freuen, denn diese Woche gibt es absolut keinen Grund, bei strahlendem Sonnenschein und Vogelgezwitscher im Freien zu verweilen. Zehn spannende Ausstellungen öffnen ihre Türen, und die sind so vielseitig, dass Frühlingserwachen und Gartenarbeit auch mal warten können. Neben den bedeutenden Sammlungen von Frank Brabant und Cornelius Gurlitt, die von Franz Marc über Otto Dix bis hin zu Claude Monet und Peter Brueghel dem Jüngeren ein unglaublich breites Spektrum an sehenswerter Kunst zu bieten haben, kommen mit Max Baur auch Liebhaber der Fotografie auf ihre Kosten. Und das ist noch längst nicht alles.

Von Beckmann bis Jawlensky

Vom Diskothekenbetreiber und erfolgreichen Unternehmer zum renommierten Kunstsammler, bei dem sich die Prominenz die Klinke in die Hand gibt: Frank Brabant sammelt seit einem halben Jahrhundert Werke der ganz Großen, aber auch der ganz Unbekannten. In seiner rund 600 Bilder umfassenden Sammlung finden sich Namen wie Oskar Kokoschka, Otto Dix, Ernst Luwig Kirchner, Franz Marc und A.R. Penck. Und ebenso längst vergessene oder zu Unrecht kaum bekannte, im Nationalsozialismus ermordete oder emigrierte Künstler, etwa Johannes Wüsten, Erich Borchert oder Rudolf Bauer.
In seinem Testament legte Brabant unlängst fest, dass seine bedeutende Sammlung nach seinem Tod je zur Hälfte an das Museum Wiesbaden und das Staatliche Museum Schwerin gehen soll. Trotz aller Neugier für die Werke fiebert man jedoch auch als Artdates-Redakteur dem Ableben eines Kunstliebhabers eher ungern euphorisch und voller Ungeduld entgegen, und glücklicherweise ist das auch gar nicht nötig, denn die Ausstellung „Von Beckmann bis Jawlensky“ zeigt vom 13. April bis 30. September im Museum Wiesbaden schon vorab die umfassende und sehenswerte Sammlung, die teilweise bereits 2017 in Schwerin zu sehen war.

Jankel Adler und die Avantgarde

Wir bleiben bei den großen Namen. Paul Klee, Marc Chagall, Pablo Picasso, Francis Bacon, Jankel Adler…moment… Jankel wer? Ja, so ist das eben leider manchmal: Heute kaum populär, reihte sich der polnische Maler Jankel Adler in den 1920er Jahren in diese prominente Gruppe mit ein, stand im Zentrum der Avantgarde, mit deren bedeutendsten Vertretern er nicht nur bekannt, sondern oft auch befreundet war. Doch auch sein Schicksal teilte er aufgrund seiner jüdischen Abstammung mit einigen der zuvor Genannten. Adlers Werke wurden als „entartet“ gebrandmarkt, er selbst musste vor den Nationalsozialisten fliehen und starb nur vier Jahre nach Kriegsende im Exil. In diesem Kontext zeigt das Von der Heydt-Museum in Wuppertal vom 17. April bis 12. August mit „Jankel Adler und die Avantgarde: Chagall | Dix | Klee | Picasso“ die erste Retrospektive des Künstlers seit 30 Jahren mit Werken aus allen Schaffensphasen. Durch seinen neuen, weltoffenen Stil, den er auch an jüngere, vor allem britische Künstler weitervermittelte, nahm er auch auf die Kunst nach 1945 maßgeblichen Einfluss. Seine Bilder sind so vielseitig und faszinierend, wie die aller wichtigen Repräsentanten der Moderne. Ein Besuch der Ausstellung ist daher eigentlich Pflicht.

Bestandsaufnahme Gurlitt

Es war eine Story, wie aus einem Krimi, die der Focus da 2013 aufdeckte: Über 1.200 Werke der bedeutendsten Vertreter der Klassischen Moderne, darunter August Macke, Oskar Kokoschka und Henri Matisse; aber ebenso Bilder aus dem 19. bis hin zum 16. Jahrhundert, wurden in einer Münchner Wohnung von der Staatsanwaltschaft Augsburg beschlagnahmt. Der „Schwabinger Kunstfund“ war eine Sensation, der Protagonist ein zurückgezogen lebender, scheuer alter Mann: Cornelius Gurlitt, Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Es folgte ein erbitterter Rechtsstreit um die Eigentumsverhältnisse und auch Kritik an der langen Geheimhaltung durch die Behörden wurde laut. Schon war die Rede vom wahrscheinlich größten Kunstskandal der deutschen Nachkriegszeit. Der durch die Medienhysterie traumatisierte Gurlitt starb im Jahr darauf und setzte das Kunstmuseum Bern in seinem Testament überraschend als Universalerben ein. Dieses stellt nun gemeinsam mit der Bundeskunsthalle in Bonn unter dem Ausstellungstitel „Bestandsaufnahme Gurlitt“ vom 19. April bis 15. Juli zeitgleich Teile dieses umfangreichen Bestandes einer breiten Öffentlichkeit vor.
Neben den großen Namen Dix, Kokoschka, Marc und Liebermann, die uns in dieser Woche ja immer wieder begegnen, dürften es wohl vor allem auch die geheimnisvollen Umstände und die ungewöhnliche und bis heute nicht gänzlich geklärte Geschichte sein, die zahlreiche Besucher in die Ausstellung locken wird. Und zwar zu Recht.

Potsdam, ein Paradies für meine Kamera

In der Artdates-Redaktion stehen sich Liebhaber von Malerei und Liebhaber von Fotografie nicht selten erbittert gegenüber. Schön, wenn es da mal ein versöhnliches Element gibt. In diesem Fall die gemeinsame Liebe zu einer wunderschönen Stadt, die in Kunst und Fotografie oft auf unterschiedliche Art, aber immer stimmungsvoll inszeniert dargestellt wird: Potsdam. Und diese Liebe teilen wir mit dem Fotografen Max Baur, der vor, während und nach den Kriegsjahren in Potsdam lebte und mit seiner Kamera nicht nur beeindruckende Kunstwerke erschuf, sondern auch Zeitzeugnisse des Stadtbildes festhielt, die noch heute in zahlreichen Bildbänden publiziert werden. Da muss man Fotografie gar nicht mögen, um von den historisch bedeutsamen Aufnahmen einer zerbombten Nikolaikirche, bekannten Straßenecken und in Sonnenlicht getauchten Häuserfassaden beeindruckt zu sein. Das Potsdam Museum zeigt vom 13. April bis 26. August „Potsdam, ein Paradies für meine Kamera – Max Baur. Fotografie„. Und egal, ob man nur Malerei mag oder nur Fotografie oder sogar beides oder weder-noch: Die Ausstellung lohnt sich trotzdem, denn manchmal reicht es schon, einfach nur eine Stadt zu mögen.

Gustave Doré. Comiczeichner

Bilder, die von Groß und Klein verstanden werden; phantastische Illustrationen und detaillreiche Bildergeschichten – wer sich mit Gustave Dorés Werk auseinandersetzt, wird sich sofort an alte Märchenbücher erinnert fühlen, die mit fein gezeichneten, schwarz-weißen Illustrationen die Geschichten beleben und selbst Kinder, die des Lesens noch nicht mächtig sind, den Inhalt verstehen lassen. Und das ist auch das Schöne daran: Man muss kein großer Kunstkenner sein, um Dorés Bilder zu begreifen und zu lieben. Auch wenn viele in ihm „nur“ den Vorreiter der modernen Comics sehen, durch sein versiertes Können sind es trotzdem kleine Kunstwerke, die er da erschuf. Von Edgar Allan Poe bis hin zu den Stücken Lord Byrons, bekannten Bibel-Illustrationen und humoristischen Kurzgeschichten: Doré schafft es wunderbar, mit seinen Bildern zu unterhalten und zu beeindrucken. Da erschließen sich phantastische Welten und mystische Stimmungen, groteske Figuren und Szenerien, die an Hieronymus Bosch erinnern, finden sich ebenso, wie Fabelwesen, bizarre Landschaften und kritisch-überspitzte Londoner Stadtportraits.
Das Kunstmuseum Luzern zeigt vom 14. April bis 27. Mai die Ausstellung „Gustave Doré. Comiczeichner“ und schickt den Besucher auf eine sehenswerte und phantastische Reise durch das Frühwerk des Künstlers. Also, einfach die Kinder mitnehmen und los geht’s!

Ausstellungseröffnungen der Woche:

Was?Von Beckmann bis Jawlensky – Die Sammlung Frank Brabant
Wer? – Otto Dix, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Käthe Kollwitz, Franz Marc, Emil Nolde, Max Pechstein, Hanna Höch, Karl Hofer u.v.a.m
Wo?Museum Wiesbaden | Wiesbaden | Deutschland
Wann? – Ausstellung vom 13.04.2018 bis zum 30.09.2018
Wieso? – Anlässlich seines 80. Geburtstags gründet der Wiesbadener Sammler Frank Brabant 2018 eine großherzige Stiftung: Seine Kunstsammlung, die vornehmlich expressionistische und neusachliche Tendenzen der Klassischen Moderne von etwa 600 Werken beinhaltet, wird zukünftig an das Staatliche Museum in Schwerin und an das Landesmuseum in Wiesbaden angeschlossen.
Was?Jankel Adler und die Avantgarde: Chagall | Dix | Klee | Picasso
Wer? – Maler Jankel Adler (1895-1949)
Wo?Von der Heydt-Museum | Wuppertal | Deutschland
Wann? – Ausstellung vom 17.04.2018 bis zum 12.08.2018
Wieso? – Marc Chagall und Paul Klee, Pablo Picasso und Otto Dix, Amedeo Modigliani und Francis Bacon, sie alle waren mit Jankel Adler bekannt oder sogar befreundet. Die Ausstellung, seit 30 Jahren die erste Retrospektive zu Jankel Adler, zeigt Werke aus allen Schaffensphasen dieses Pioniers und bringt sie in Verbindung mit Schöpfungen seiner Freunde.
Was?Bestandsaufnahme Gurlitt Teil 2: Der NS-Kunstraub und die Folgen
Wer? – Max Liebermann, Jean-Louis Forain, Claude Monet, Gustave Courbet, Peter Brueghel der Jüngere, Thomas Couture, Auguste Renoir, Auguste Rodin, Paul Signac, Max Beckmann, Conrad Felixmüller
Wo?Kunstmuseum Bern | Bern | Schweiz
Wann? – Ausstellung vom 19.04.2018 bis zum 15.07.2018
Wieso? – Im zweiten Teil der Bestandsaufnahme Gurlitt zeigt das Kunstmuseum Bern ausgewählte Werke aus dem «Kunstfund Gurlitt», die NS-verfolgungsbedingt entzogen wurden und deren Herkunft und Erwerbungsumstände bis heute noch nicht abschliessend geklärt werden konnten.
Was?Potsdam, ein Paradies für meine Kamera – Max Baur. Fotografie
Wer? – Fotograf Max Baur
Wo?Potsdam Museum | Potsdam | Deutschland
Wann? – Ausstellung vom 13.04.2018 bis zum 26.08.2018
Wieso? – Max Baur (1898–1988) zählt zu den bekanntesten Potsdam-Fotografen. Er bezeichnete die Stadt als seine „große Liebe“. Baurs stimmungsvoll inszenierte Aufnahmen sind in zahlreichen Fotoeditionen und Bildbänden publiziert worden und prägen bis heute das Bild des historischen Potsdams weit über die Stadtgrenze hinaus.
Was?Adriana Czernin. Fragment
Wer? – Adriana Czernin
Wo?MAK | Wien | Österreich
Wann? – Ausstellung vom 18.04.2018 bis zum 30.09.2018
Wieso? – Im Jahr 2014 hat das MAK die Künstlerin eingeladen, sich von der Rosette aus dem Minbar der Ibn-Tulun-Moschee in Kairo, dessen Fragmente sich im MAK befinden, für ein Kunstwerk inspirieren zu lassen. In der Ausstellung werden die dadurch in den letzten Jahren entstandenen Werke in einer Rauminstallation mit dem Original aus dem 13. Jahrhundert vereint.
Was?Gustave Doré. Comic-Zeichner
Wer? – Maler und Grafiker Gustave Doré (1832–1883)
Wo? – Kunstmuseum Luzern | Luzern | Schweiz
Wann? – Ausstellung vom 14.04.2018 bis zum 27.05.2018
Wieso? – Der französische Grafiker und Illustrator zeichnete hunderte kurze Bildgeschichten, die in humoristischen Zeitungen publiziert wurden, lange bevor es den Begriff «Comic» überhaupt gab. Dorés Frühwerk ist technisch virtuos und in Bezug auf die Erzählung in Bilderfolgen bahnbrechend. Nun wird es endlich umfangreich dem Publikum zugänglich gemacht.
Was?BİZİM BERLİN 89/90
Wer? – Fotograf Ergun Çağatay
Wo? – Stadtmuseum Berlin | Berlin | Deutschland
Wann? – Ausstellung vom 13.04.2018 bis zum 16.09.2018
Wieso? – In der Wendezeit bereiste der renommierte Istanbuler Fotograf Ergun Çağatay (1937–2018) Ost- und West-Berlin für eine Reportage. Er suchte die zweite Generation türkischer Einwandererinnen und Einwanderer und fand eine Stadt im Umbruch. Die türkische Minderheit musste einen neuen Platz in der Gesellschaft finden. Çağatays Fotografien zeigen Euphorie und Optimismus sowie die Folgen von Ausgrenzung und Rassismus.
Was?Glaube Liebe Hoffnung – 800 Jahre Diözese Graz-Seckau
Wer? – Marlene Dumas, Guillaume Bruère, Willem De Rooij, Franz West u.v.a.m.
Wo? – Kunsthaus Graz | Graz | Österreich
Wann? – Ausstellung vom 13.04.2018 bis zum 26.08.2018
Wieso? – „800 Jahre Diözese Graz-Seckau“ sind für das Kunsthaus Graz und das Grazer Kulturzentrum bei den Minoriten der Anlass für eine ungewöhnliche Kooperation, die das Verhältnis zwischen Religion und Gegenwartskunst beleuchtet.
Was?HAEGUE YANG. ETA 1994–2018
Wer? – Installationskünstlerin Haegue Yang
Wo? – Museum Ludwig | Köln | Deutschland
Wann? – Ausstellung vom 18.04.2018 bis zum 12.08.2018
Wieso? – Haegue Yang wird 2018 von der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig mit dem Wolfgang-Hahn-Preis ausgezeichnet. Mit der weltweit ersten Überblicksausstellung der Künstlerin präsentiert das Museum Ludwig die Vielfalt ihres gesamten Schaffens anhand von über 120 Werken.
Was?Tomas Riehle. Fotografie
Wer? – Fotograf Tomas Riehle
Wo? – Raketenstation Hombroich | Neuss | Deutschland
Wann? – Ausstellung vom 15.04.2018 bis zum 01.07.2018
Wieso? – Dem im Juli 2017 verstorbenen Tomas Riehle widmet die Stiftung Insel Hombroich eine Ausstellung, die fotografische Interpretationen bebauten und unbebauten Raums in ganz unterschiedlichen Werkreihen aus über vierzig Jahren zeigt.
Aktuell laufende Kunstausstellungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz finden Sie übersichtlich nach Städten sortiert auf dieser Seite zusammengetragen.


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