Günter Brus: "Kurzschluss", 1990 (Ausschnitt)
Günter Brus: "Kurzschluss", 1990 (Ausschnitt) - BRUSEUM/Neue Galerie Graz, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Erdruckt und erstochen. Die Druckgrafik von Günter Brus

Wer hat Angst vor Günter Brus?

Ich! Zumindest als Werkstoff würde ich ihm nicht ausgeliefert sein wollen – strebt er doch nach eigenen Bekundungen die maximale Verletzung des Materials an und bezeichnete sich einmal selbst gar als „Kupfermörder“. Mit irrem Gekicher und einem Hauch von Wahnsinn im Blick traktiert er zunächst jegliche Metalle, die ihm unter seine Werkzeuge kommen und erschafft anschließend mit ruhiger Hand, ausdrucksloser Mine und dem kaltblütig-akkuraten Vorgehen eines psychopathischen Serienkillers sein persönliches kleines Horrorkabinett der Kunst. So jedenfalls stelle ich mir das vor, wenn ich in die gruselige Welt von Brus‘ Kaltnadelradierungen eintauche. Er attackiert seine Metallplatten mit Stahlnadeln, Taschenmessern, Scheren und Drahtbürsten bis zur körperlichen Erschöpfung; das Ergebnis sind Druckgrafiken mit bizarr entstellten Körpern, grotesk verfremdeten Erlösermotiven, aber auch der Darstellung des Absetzens von Fäkalien.

Und das ist noch vergleichsweise harmlos; kennt man Brus doch eigentlich als radikalsten Vertretern des Wiener Aktionismus. Da wurden in den 1960er Jahren mit drastischen Ausdrucksweisen Tabus gebrochen und genüsslich der Ekel massiert, sei es durch die Selbstverstümmelung mit einer Rasierklinge, das Verschmieren der eigenen Exkremente am nackten Körper oder das Erbrechen mitten in die Zuschauer hinein. Urinieren, onanieren, defäkieren, malträtieren – Günter Bruns und seine Aktionisten ließen nichts aus. Alle Mittel der Grausamkeit und Perversion waren recht, um die Gesellschaft zu schockieren, Ziel war eine „Kunst, um die Kunst zu verlassen“. Nun ist das Ganze aber auch schon wieder 50 Jahre her, das Urinieren und Erbrechen auf der Bühne ist für Besucher des modernen Theaters längst Gewohnheit; weit entfernt von einem Skandal ruft es höchstens ein Naserümpfen oder müdes Achselzucken hervor. Und eigentlich hat da auch gar niemand mehr Lust drauf, revolutionär hin oder her – eklig bleibt eklig. Und so viele Forderungen für eine bessere Gesellschaft kann man in eine Pfütze Körperausscheidungen dann eben doch nicht hineininterpretieren. Günter Brus ist mittlerweile 81 Jahre alt und vielleicht nicht mehr allzu furchterregend. Die Neue Galerie Graz jedenfalls fürchtet ihn nicht und zeigt vom 29. März bis 30. Juni „Erdruckt und erstochen. Die Druckgrafik von Günter Brus“. Gehen Sie hin – wenn Sie sich trauen.

Was?Erdruckt und erstochen. Die Druckgrafik von Günter Brus
Wo? – Neue Galerie Graz | Link zur Ausstellung | Aktuelle Kunstausstellungen in Graz
Wann? – Ausstellung vom 29.03.2019 bis zum 30.06.2019


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