Josef Hegenbarth: Kopf eines kleinen Jungen im Profil nach links
Josef Hegenbarth, Kopf eines kleinen Jungen im Profil nach links - SKD, Foto: Herbert Boswank © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Anonyme Köpfe mit Geschichte

Das menschliche Antlitz – ob schön oder hässlich, alt oder jung, entstellt oder exotisch – fasziniert den Betrachter seit jeher; glaubt er doch, darin auch Charaktereigenschaften wie Tugend, Unschuld, Verschlagenheit oder Grausamkeit zu erkennen. Portraits von Angeklagten bei Strafprozessen erfreuen sich ähnlicher Beliebtheit wie die Hochglanzkataloge renommierter Modellagenturen. Und nicht wenige Menschen geben nach ihren Hobbies befragt an: „Vom Straßencafé aus Passanten beobachten“. Sie fragen sich dann vielleicht: „Was ist das wohl für ein Mensch dort drüben? Welchem Beruf geht er nach? Warum ist er traurig, glücklich oder verbittert? Was erzählt sein Gesicht über ihn?“

Josef Hegenbarth war ein leidenschaftlicher Zeichner und Illustrator, der Mensch und Tier studierte und mit wenigen Strichen, manchmal fast schon überspitzt-karikierend, Mimik und Wesen seiner Modelle wiedergab. Und auch er war fasziniert von Menschen, von Gesichtern. Nur beschränkte er sich nicht auf das stille Beobachten; nein, er holte die fremden Passanten direkt von der Straße in sein Atelier, um sie in Zeichnungen festzuhalten und ihre Persönlichkeit und Stimmungslage spontan zu erfassen.

Nach Hegenbarths Tod vermachte seine Witwe das Wohnhaus und Atelier des Künstlers dem Dresdener Kupferstichkabinett und ist heute Ausstellungsraum des Josef-Hegenbarth-Archivs. Dieses beinhaltet nun unter anderem die Zeichnungen der über 300 namenlosen Köpfe, die trotz oder gerade wegen ihrer Anonymität gleichermaßen spannend wie auch rätselhaft sind. Aber was wäre eigentlich, wenn wir die Geschichten zu den Portraits kennen würden? Oder anders gefragt: Was erzählen uns die Köpfe über sich? Welche Assoziationen wecken sie?

Das fragten sich auch sieben Autoren, die für die Ausstellung „Geschichten um Hegenbarths anonyme Köpfe“ vom 6. Mai bis 4. November im Dresdener Kupferstich-Kabinett den unbekannten Figuren eine (neue) Geschichte schenkten. Ein spannendes Experiment, das dazu anregen soll, den Zeichnungen mehr als nur einen bewundernden Blick zu schenken und eigene Geschichten zu erfinden. Und das macht mindestens soviel Spaß, wie bei den Passanten vor dem Straßencafé.

Geschichten um Hegenbarths anonyme Köpfe
Kunstausstellung vom 06.05.2018 bis zum 04.11.2018
Josef-Hegenbarth-Archiv | Dresden | Deutschland
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Kategorie: Kunst zum Betrachten, Kunstausstellung
Veröffentlicht von

Julia arbeitet seit 2001 als freischaffende Künstlerin und ist bei der Organisation zahlreicher Veranstaltungen und Ausstellungen beteiligt. Ihre großen Leidenschaften neben der Kunst sind englische Krimis, Comic-Strips und die mediterrane Küche.


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